von Freddy Petri

Es ist warm, die Sonne scheint, ich habe einen Muskelkater, ein offenes Projekt und noch zwei Bouldertage. Gestern habe ich Minisex (7c), eine ziemlich steilen aber geilen Boulder aus einem Dach raus, ausgecheckt. Ich konnte jeden Einzelzug einmal klettern, doch im Ganzen? Meine Motivation diesen Boulder zu schaffen war mindestens genauso gro├č wie mein Muskelkater. Heute w├╝rde daraus sicher nichts werden. Meine Fl├╝gel sind schwer wie Backsteine und meine Beine sind vom vielen hoch und runter laufen durch den Wald auch ziemlich angeschlagen. Wenn ich den Boulder wirklich machen m├Âchte, sollte ich heute einen Ruhetag einschieben, mich erholen und morgen fr├╝h in aller Frische direkt durchziehen. Das war eine nicht allzu leichte Entscheidung, schlie├člich hatte ich insgesamt nur drei Bouldertage im Magic Wood. Sollte ich doch lieber die volle Zeit nutzen und einfach mehrere Boulder machen, anstatt mich so auf einen Einzigen zu konzentrieren? Und was, wenn ich einen Pausentag einlege und ihn dann doch nicht schaffe, schlie├člich ist er schon eine echte Nuss.

Fotos: S├Ânke Petri

Da muss ein Kompromiss daher: aktiver Ruhetag! Klingt widerspr├╝chlich? Ach was! Hat super funktioniert. Ich habe den Tag entspannt angehen lassen, die Sonne genossen, die anderen Boulderer im Wald unterst├╝tzt und zwei ziemlich sch├Âne und lohnenswerte 7aÔÇÖs ÔÇ×ChiquitaÔÇť und ÔÇ×ZillimannÔÇť gemacht. So dass ich mein Bouldergewissen beruhigen konnte, meinen Muskelkater etwas warm wurde und regenerieren konnte, ich keinen ganzen aber erholsamen Tag verbrachte und mich mental auf Minisex vorbereiten konnte.

Ich steh auf, bekomme meine Augen fast nicht auf, mein Kreislauf schwach wie nie und meine Fl├╝gel immer noch etwas lahm. Aber blo├č keine Schw├Ąche vort├Ąuschen! Mit zwei Crashpads auf den R├╝cken erst mal den Warm-Up-Walk den Berg rauf bis ich vor dem sch├Ânen D├Ąchlein stehe. In Gedanken noch nicht ganz wach, aber schon voll vertr├Ąumt in der Beta unterwegs: Knieklemmer, Blocken auf die Leiste, Dropknee, Zange, Bauch anspannen, Fu├č l├Âsen, Toehook voraus, an die Kante und raus mantlen. Halt stopp! Knieklemmer? Blo├č nicht, mein Bein ist ganz wund und blau vom ausbouldern. Da leg ich sicher keinen Knieklemmer mehr rein. Das muss auch ohne gehen! Gl├╝cklicherweise waren noch zwei M├Ądels mit in dem Boulder unterwegs von denen ich mir eine Startbeta ohne Knieklemmer abschauen konnte. Gewiss nicht so kraftsparend und auch nicht so stabil wie der Knieklemmer, aber besser als noch mal auf den blauen Fleck zu hebeln.

Erstmal warm werden, dann noch mal die Mittelpassage mit den zwei schwersten Z├╝gen ausbouldern. Heiliges Kanonenrohr, ist das z├Ąh. Wie hatte ich das nur gemacht? Dropknee rechts, Spannung halten und gaaaanz langsam, kontrolliert in die Zange abfassen. Jetzt mit voller Wucht die Zange zamzwicken (Maxi w├Ąre stolz auf mich, ich hab ja doch einen Daumen :D) und mit so wenig Schwung wie m├Âglich den rechten Fu├č l├Âsen. Dann ist der Rest so gut wie gegessen. Doch der Mittelteil der hat es echt in sich.

Fotos: Russ Juskalian

Endlich war mein K├Ârper doch mal aufgewacht, die Muskulatur warmgelaufen und Konzentration und Biss auf 120% hochgefahren. Ich hab bock! Jetzt hie├č es nur noch Vollgas geben und so kraftsparend und pr├Ązise wie m├Âglich bis zur Schl├╝sselstelle klettern. Die ersten zwei Gos gingen ordentlich in die Hose. Einmal bin ich vom Start voll nach hinten weggeschossen und einmal hab ich total vergessen mein Dropknee ordentlich nach unten zu klappen. Doch im dritten Go sa├č alles wie angegossen. Der Start war perfekt, die Leiste gut getroffen, die Zange abgefasst und da hat ich auch schneller als ich kucken konnte den Toehook an der Kante. Nice! Das lass ich mir nicht mehr nehmen, mantlen kann ich! Naja mehr oder weniger elegant hab ich mich dann noch auf die Platte gewuchtet und stand atemlos und mit h├Ârbar schnell klopfendem Herz auf Minisex. Was f├╝r ein Boulder, was f├╝r ein Gef├╝hl!

Alle die mich kennen, wissen dass ich den restlichen Tag mit einem ├╝bertriebenen Grinsen im Gesicht rumgelaufen bin. Na gut, die folgenden Tage auch noch ­čśë

Zum kr├Ânendem Abschluss habe ich noch ÔÇ×MorgenlatteÔÇť (7b) hinterher geschossen und dem Wochenende eine sch├Âne Erinnerung gegeben. Mich freut es sehr, wieder so fit zu sein, schwere Boulder zu bouldern, am Felsen mit Freunden unterwegs zu sein, meiner absoluten Leidenschaft nachgehen zu k├Ânnen und dieses Jahr bereits mit ÔÇ×MinisexÔÇť und ÔÇ×Papa ChangoÔÇť (habe ich zwei Wochen zuvor gemacht) zwei 7c geklettert zu haben. Ich bin gespannt was die Saison noch mit sich bringt.

Ein gro├čes Dankesch├Ân m├Âchte ich an alle aussprechen, die immer so flei├čig mit mir trainieren, mich unterst├╝tzen, mit mir ihr Beta f├╝r den Boulder geteilt haben, mich gespottet und angefeuert haben und ein einfach cooles Wochenende drau├č gemacht haben! Gro├čes Dankesch├Ân auch Russ f├╝r die Fotos in Minisex und die Unterst├╝tzung im┬á Durchstieg! Thanks a lot dude!

Foto: Russ Juskalian